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von Werner Musterer | Kongressbericht

Symposium „Images in Conflict“ sucht die Zukunft der Dokumentarfotografie

Unter dem Titel „Images in Conflict“ hatte der Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie der Hochschule Hannover im Mai 2017 zu einem zweitägigen Symposium eingeladen. Ein massives Programm mit einem international hochkarätig besetzten Lineup aus 20 Vortragenden erwartete die Teilnehmer. Schnell zeigte sich: das Motto „Bilder im Konflikt“ war durchaus doppeldeutig zu verstehen.
So ging es nicht nur um Fotos, die in den Krisengebieten dieser Welt entstehen, sondern auch um die offensichtliche Krise, in die der professionelle Fotojournalismus im Zeitalter von Social Media und „Bürgerreportern“ zunehmend schliddert. Eine Veränderung findet in der Medienlandschaft definitiv statt. Mittlerweile ist es ja alltäglich, dass die allerersten Bilder oder Videos von nachrichtenrelevanten Ereignissen erscheinen, bevor professionelle Berichterstatter überhaupt am Ort des Geschehens eintreffen, weil – und sei die Not auch noch so groß – irgendein Smartphone bereits alles live eingefangen und verbreitet hat.

Was wird aus der Fotografie?
Ist das noch „journalistisch neutrale“ Berichterstattung? Gegenfrage: Kann es eine solche überhaupt geben? Ist nicht auch der Berufsjournalist selbst immer auf eine Art parteiisch? Als einer der ersten Experten der Tagung wies Kommunikationswissenschaftler Dr. Felix Koltermann in seinem Vortrag darauf hin, dass unter den sich ändernden Verhältnissen zunehmend auf die Bilderzeuger als Akteure und deren gesellschaftlichen Kontext geschaut werden müsse. Die Gefahr an den Handyfotos Betroffener aus Krisengebieten liege darin, dass sie eine Authentizität ausstrahlten, die wie Zeugenschaft wirken, aber doch aufgrund ihrer subjektiven Position genauso gut als PR oder Propaganda benutzt oder missbraucht werden können.
Also was wird aus der Fotografie – sozial, politisch, kulturell? Welches „Change Management“ empfehlen die Expertinnen und Experten den Berufsfotografen? Der niederländische Fotograf Geert v. Kesteren, die syrische Grafikerin Dona Abboud und die Fotografin und Aktivistin Vera Brandner aus Österreich zeigten drei unterschiedliche Ansätze, wie man als geschulter Bildarbeiter mit den „Amateurfotografen“ kooperieren kann. Während Dona Abboud in ihrem Buch „Out of Syria, Inside Facebook“ verhältnismäßig unkritisch mittels Facebook-Fotoalben ihrer Landsleute das „normale Leben“ neben dem Krieg zeigen will, verfolgt v. Kesteren in seinem Buch „Why, Mister, why“ über den Irak eine eher kuratorische Vorgehensweise und mischt eigene Fotos mit Smartphonebildern von Irakern (auch multimedial als App erschienen). Vera Brandners Konzept dagegen hat eher das Ziel, über die Fotografie eine Kommunikation Betroffener untereinander anzuregen.

Qualität immer noch ein Faktor
Dass der Fotojournalismus noch längst nicht am Boden liegt und es auch gar nicht erst soweit kommen muss, bewiesen Fotograf Christoph Bangert, der Associated-Press-Bildredakteur Tony Hicks und der Kreativmanager Stephen Mayes. Bangert, der zu den renommiertesten Kriegsfotografen gehört, stellte sichtlich gut gelaunt („Ich bin Kriegsfotograf, obwohl ich nicht mal Tattoos habe!“) sein außergewöhnliches Buch „Warporn“ vor – ohne ein einziges der darin vorkommenden, teils heftige Grausamkeiten transportierenden Bilder zu zeigen. Ein Buch für Voyeuristen? „Mag sein“, so Bangert. „Aber das befreit uns nicht von der Pflicht und Verantwortung, uns mit dem Schicksal der Betroffenen auseinanderzusetzen.“
Tony Hicks ist Chefbildredakteur im Europa-Büro der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) in London – und machte seinen Vortrag mehr oder weniger zu einer Werbeveranstaltung für seinen Arbeitgeber. So zeigte er zunächst eine Art „Best-of-Horror-Show“ der (leider) bekanntesten Kriegs-Schockfotos der letzten Jahre. Er widersprach auch der eingangs beschriebenen häufigen Wahrnehmung, dass Smartphone-Amateurfotos, in der Branche gern UGC („user generated content“) abgekürzt, den Markt überfluten würden. Bei AP liege der UGC-Anteil nämlich deutlich unter einem Prozent! Bestätigen konnte er aber den Trend weg von „dem“ ikonischen Einzelfoto hin zur Serie: „Früher hast du zwei Fotos gemacht, heute machst du alles, was du kriegen kannst.“
Während Bangert und Hicks im Rahmen des Symposiums eher als Vertreter einer „klassischen“ Fotografie auftraten, brachte der frühere World-Press-Photo-Juror Stephen Mayes ein paar radikalere Thesen mit. Aus seiner Sicht sei die Fotografie, wenn auch noch nicht tot, so doch zumindest im verschwinden begriffen. Mayes’ Ansicht nach sei das digitale Bild aufgrund seiner technischen Entstehung kein „wahrhaftiges“ mehr wie eine Silberhalogenidfotografie. Schließlich würde erst der Computer aus den elektronischen Daten das Bild herstellen – und zwar in einer Weise, wie der Computer denke, dass der Betrachter das Bild sehen solle. Standards würden längst von der Technik definiert, die keinerlei Bezug mehr zu den 160 Jahren Fotogeschichte habe. Das Beispiel Snapchat (Bilder löschen sich von selbst, sobald der Adressat sie einmal betrachtet hat) zeige ja, dass Aufnahmen heute keine Fotografien mit ihrem einstmals konservatorischen Anspruch mehr seien und auch nicht mehr so behandelt würden. Journalisten und Redakteure seien heute „Hyperpower Communicators“ und die Image-Industrie finde zunehmend abseits klassischer Bildarbeiter wie Fotografen, Kameramännern oder Publishern statt. Vor lauter Resignation aber „in die Kunst auszubrechen“ – hier nannte Mayes Luc Delahaye als Beispiel – könne aber auch keine Lösung für die große Masse der Fotojournalisten sein.

Was macht die Kunst?
Interessant zu beobachten war, wieviel Raum der Kunst auf dem Symposium eines Studienganges eingeräumt wurde, der sich der Dokumentarfotografie verschrieben hat. Den Einstieg leistete die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Ursula Frohne mit ihrem Vortrag über Haroun FarockisSerious games“, in denen der 2014 verstorbene Medienkünstler die Rolle von Computerspielen, die einen Krieg im Irak simulieren, für die Ausbildung von US-Soldaten einerseits und deren Trauma-Therapie(!) andererseits beschreibt und hinterfragt.
Der nordirische Fotograf Donovan Wylie hat mit einem umfangreichen Werk über Gefängnisse und Militärarchitektur hohe künstlerische Bedeutung erlangt. In seinem sehr zurückhaltenden Vortrag plädierte er für mehr Demut und Achtsamkeit gegenüber den zu fotografierenden Subjekten. Sein Credo: „Immer wenn ich eine Kamera benutze, fotografiere ich eigentlich mich selbst. – Wer bin ich denn, dass ich Bilder von anderen Menschen mache? Was legitimiert mich, das Fotografierte zu repräsentieren?“ Davon geleitet, versuche er in seiner Arbeit eine Umkehrung vorzunehmen: „Wie kann mir das Objekt zeigen, wie ich es zu fotografieren habe? Ich lasse die Kamera Teil des Systems sein und werde selbst nur Operator.“
Armin Smailovic, Fotograf, und Dirk Gieselmann, Autor, präsentierten Auszüge aus ihrem multimedialen Projekt „Atlas der Angst“. Ihre gemeinsame Spurensuche durch ganz Deutschland verfolgte das Ziel, das nur diffus wahrzunehmende, aber offenbar kollektiv wachsende Gefühl Angst zu vermessen und zu katalogisieren. Texte und Bilder verschmelzen wie fotografische Doppelbelichtungen in diesem Werk, das nach Ausstellung und Buch inzwischen auch vom Hamburger Thalia-Theater zu einer Bühnenversion verarbeitet wird.
Ebenfalls bleibenden Eindruck hinterließ Adam Broomberg. Neben seiner Professur für Fotografie an der Hochschule für bildende Künste (HFBK) in Hamburg arbeitet Broomberg selbst als Künstler und zeigte mit einem zehnminütigen Video seine Auseinandersetzung mit den Flüchtlingsdramen im Mittelmeer. Von einem Projekt in Afghanistan 2008 brachte er die erstaunliche Erfahrung mit, dass er es nur habe durchführen können, weil er sich als Fotojournalist und nicht als Künstler ausgegeben habe. Gerade autoritäre Regimes würden vielfach künstlerische Abstraktion als „gefährlicher“ einstufen als die vermeintlich „objektive“ Dokumentation der Realität. Broomberg nutzte seinen Auftritt abschließend dazu, einen Appell an alle kreativen Kräfte auszugeben, die immer noch vorherrschende Trennung von Kunst und Dokumentarismus aufzubrechen und mehr zusammenarbeiten, um der wachsenden Macht oligarchischer Verleger und Medienmogule entgegentreten zu können.

Bilder bleiben bedeutend
Am Ende sind die Eindrücke ambivalent: Die Vortragenden konstatieren dem Fotojournalismus durchaus eine Krise, doch wird sie unterschiedlich schwerwiegend bewertet. Bilder können auch heute noch Ikonen werden, interdisziplinäres Arbeiten wird neue Lösungen bringen, Kunst gewinnt an Beachtung und Einfluss, Wandel tut in jedem Fall not. Das Symposium „Images in Conflict“ stellte nur den Beginn einer geplanten Veranstaltungsreihe unter dem Oberbegriff „Image Matters“ dar. Dem Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie der Hochschule Hannover ist ein beeindruckender Erstling gelungen und man darf gespannt die Sequels erwarten.

Web: http://image-matters-discourse.de
Eine begleitende Ausstellung unter dem gleichen Namen „Images in Conflict“ mit Werken von Dona Abboud, Christoph Bangert, Edmund Clark, Harun Farocki, Ziyah Gafić, Dirk Gieselmann / Armin Smailovic und Tim Hetherington lief bis zum 18. Juni 2017 in der GAF – Galerie für Fotografie in Hannover, http://gafeisfabrik.de

Dieser Beitrag ist auch in der PhotoPresse Ausgabe 10/2017 erschienen. 

#Dokumentarfotografie #Fotojournalismus #Fotokunst

 

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