10. März 1991. Ich lebte gerade wenige Monate in Hannover. Wo ich Nusrat Fateh Ali Khan zum ersten Mal gehört habe, kann ich gar nicht mehr sagen, aber jedenfalls war ich Feuer und Flamme, als ich hörte, dass er im Theatersaal Langenhagen auftreten würde. Ich lieh mir bei Saturn-Hansa, wo ich zu der Zeit einen Job in der Fotoabteilung hatte, eine Mamiya 6 (6x7 cm Rollfilm-Messsucherkamera) mit 150mm-Optik aus und fuhr gespannt zum Konzert. Der Theatersaal war gefüllt mit festlichst gekleideten Menschen, die Mehrzahl augenscheinlich pakistanischen (oder verwandten) Ursprungs. Auf der Bühne saßen 10–12 Musiker im Schneidersitz auf einem Podest, einzige Instrumente waren ein paar Tablas sowie ein kleines Harmonium, dessen Bediener während des Spielens fortwährend mit einer Hand die Klappe für den Luftdruckmechanismus des Geräts bewegen musste.

Auch Nusrat – ein Koloss von bestimmt drei Zentnern Lebendgewicht – saß während des gesamten Konzerts im Schneidersitz da. Doch ungleich beeindruckender vom ersten Ton an: seine Stimme! Ein begeisternd klares, für einen Mann dieser Körpermaße unglaublich helles Timbre nahe am Falsett, das sphärisch über der Basis aus Harmonium-Tabla-Klangteppich, Chorbegleitung der Männer und deren durchgängigem rhythmischen Klatschen schwebte. Meist unterstrich er seinen Gesang mit ausladenden Armbewegungen und inbrünstiger Gestik.

Getoppt wurde das Ganze noch durch die grandiose Stimmung im (bestuhlten!) Saal. Bei bestimmten Textstellen brandeten großer Jubel und Applaus auf. Immer wieder standen einzelne Herren in ihrem feinen Zwirn – aber ohne Schuhe – auf und tanzten zur Musik. Einige sprangen dazu auch auf die Bühne (schön, dass man sie gewähren ließ und keine martialischen glatzköpfigen Ordner einschritten …), tanzten dort einige Minuten ekstatisch, zückten dann ihre Brieftasche und legten Nusrat Bündel von Geldscheinen hin, was er mit gütigem Nicken beantwortete.

Ich schoss nur wenige Bilder, zwei/drei Filme à 10 Aufnahmen vielleicht. Die Atmosphäre hatte mich zu sehr gefangen. Eine sprituelle Erfahrung ganz besonderer Art, zugleich eine Empfindung tiefsten Friedens und Verbundenheit der Kulturen!

 

Normalerweise bin ich, was Eintrittskarten angeht, unsentimental. Diese habe ich aufgehoben …
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Die CD »Supreme Collection« (1990, JARO CD26 im EFA-Vertrieb) gibt den klassischen Qawwali-Stil wieder. So hörte es sich auch im beschrieben Konzert an.
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Die CD »Supreme Collection« (1990, JARO CD26 im EFA-Vertrieb) gibt den klassischen Qawwali-Stil wieder. So hörte es sich auch im beschriebenen Konzert an.

Die CD »Mustt Mustt« erschien 1990 bei Peter Gabriels Realword-Label und entstand u.a. in Zusammenarbeit mit Massive Attack (Realworld CD RW15)
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Die CD »Mustt Mustt« erschien 1990 bei Peter Gabriels Realword-Label und entstand u.a. in Zusammenarbeit mit Massive Attack (Realworld CD RW15)

 

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