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von Werner Musterer | Reportage

Hannoversche Fotografen gründen „dievirtuellegalerie“.

Die »Eisfabrik« in Hannover ist seit mehr als 30 Jahren ein besonderer Thinktank in Sachen Kunst. Neben Tanz, Theater und Musik hat hier schon immer auch die Fotografie einen wichtigen Stellenwert, nicht zuletzt seit mit der GAF – Galerie für Fotografie ein Ausstellungsort von internationaler Bedeutung auf das Gelände zog. Als Mitglied des Betreibervereins lebt und arbeitet auch Fotograf Ralf Mohr in einem zum Wohnhaus umgebauten ehemaligen Fabrikgebäude. Offenbar ein inspirierendes Umfeld, denn hier kam ihm zusammen mit seinem Geschäftspartner Andreas Rohde die Idee zur Entwicklung der »Virtuellen Galerie«.

Synonyme für »virtuell« lt. Duden: als Möglichkeit vorhanden, denkbar, erdenklich, eventuell, imaginabel, im Bereich des Möglichen

»Die Zahl sehenswerter Ausstellungen – ob im Fotobereich oder anderen Kunstformen – nimmt ja immer mehr zu«, so die beiden Gründer im Interview. »Wir waren oft enttäuscht, viele nicht besuchen zu können, weil entweder die Öffnungszeiten nicht passten, der Ort zu weit entfernt war oder sonstige Gründe uns gehindert haben. Sicher, so manche Galerie oder Museum zeigt die Werke auch im Internet, aber dann in der Regel in einer sehr statischen Form, was dann eher wie ein digitaler Katalog anmutet. Ein Ausstellungserlebnis hat man da nicht. Da wir selber schon seit einiger Zeit kommerziell mit 360-Grad-Panoramen arbeiten, lag die Idee nahe, Ausstellungen virtuell begehbar zu machen. Mit unserer Technik kann sich der Betrachter nun durch die Räume bewegen, auf ein Werk zugehen, dabei über das Interface Detailinformationen abrufen, wieder zurücktreten, um sich einen Überblick zu verschaffen oder Bilder miteinander zu vergleichen. Das kommt einem ‚echten‘ Galeriebesuch schon sehr nahe.«

Virtuelle Galerie? Gibt es so etwas nicht längst schon? »Dachten wir auch und haben lange gesucht, die VR-Technik als solche ist ja nicht mehr ganz neu«, lacht Andreas Rohde. »Aber wir haben kein dauerhaftes und vor allem qualitativ ansprechendes Angebot im Kunstbereich gefunden. Also ran und selber machen war die Devise!« Nach etwas mehr als einem Jahr Entwicklungsarbeit steht das Konzept und die Website dievirtuellegalerie.de ist seit Januar 2018 im Netz – die weltweit erste ihrer Art, wie der Pressetext verspricht. »Möglich wurde die hohe Umsetzungsgeschwindigkeit auch durch die bestehenden Netzwerke hier in der Fotostadt Hannover«, freut sich Ralf Mohr. »Die beiden Austellungsräume in der Eisfabrik haben wir jetzt als Erstes in 360-Grad-Technik digitalisiert und aufbereitet.« Außerdem konnten mit Prof. Rolf Nobel und Klaus Tiedge, der zuletzt mit dem Umweltfotofestival »Horizonte Zingst« viel Aufmerksamkeit erlangen konnte, zwei prominente Mitstreiter als Mentoren und Kuratoren gewonnen werden. Nobel eröffnete zum Launch der Website auch gleich den Ausstellungsreigen mit seiner preisgekrönten SW-Serie »Local Heroes«.

Sukzessive sollen weitere Künstlerinnen und Künstler hinzukommen. Ein hohes Qualitätslevel von Anfang zu halten, ist dabei das Ansinnen der Initiatoren. »Damit es kein Sammelsurium wird, haben wir zusammen mit unseren Kuratoren den Editionsgedanken entwickelt«, erklärt Andreas Rohde. »So präsentieren wir unter dem Label ›Documentary Discoveries‹ fotojournalistische Arbeiten, während die Edition ›map – modern art photography‹, die von Klaus Tiedge kuratiert wird, eher den künstlerischen Bereich abgedeckt. Hier freuen wir uns, dass wir mit dem deutsch-amerikanischen Fotokünstler Antonius die von uns geplante Internationalisierung direkt zum Start umsetzen konnten.« In einer dritten Edition namens »dievirtuellegalerie« wollen die beiden Gründer das Gewicht auf von ihnen selbst ausgesuchte Favoriten legen, dabei bewusst keine weiteren thematischen Vorgaben zu machen, um so möglicherweise auch Newcomern eine Chance zu geben. Hierzu Andreas Rohde weiter: »Gerade junge Künstler stehen oft vor dem Problem, dass sie zwar grundsätzlich schon eine ansehnliche Anzahl hochwertiger Werke vorweisen können, diese aber nur digital vorliegen haben. Die Kosten für galerietaugliche Reproduktionen können sie meist schlicht nicht vorfinanzieren und müssen daher wohl oder übel auf die zur Bekanntheitsförderung notwendigen Ausstellungen verzichten. Nehmen wir sie in die virtuellegalerie auf, betragen die Kosten nur einen Bruchteil davon, da wir zunächst nur den Aufwand zum Einbinden der Bilddateien in die bestehenden digitalisierten Räume berechnen.«

 

Kunst kommt von Kaufen

Was eine Galerie grundsätzlich vom Museum unterscheidet, ist, dass in einer Galerie in der Regel die ausgestellten Werke zum Kauf angeboten werden. Dies ist auch zentraler Bestandteil des Konzeptes der virtuellengalerie. Interessiert sich ein Besucher für den Kauf eines der digital ausgestellten Werke, kann er direkt im Browser Informationen darüber abrufen, in welchen Formaten, Rahmungen oder Kaschierformen und zu welchem Preis das Bild angeboten wird. Dies stimmen die Künstler mit den Galeristen ab, ebenso wie eventuelle Auflagenbegrenzungen. Die Verkaufserlöse gehen an die Künstler, abzüglich der Produktionskosten und einer Galerieprovision. Alles wie bei einer »normalen« Galerie auch? »Nicht ganz.«, sagt Andreas Rohde. »In den ›realen‹ Galerien hat der kunstinteressierte Käufer nur selten bis gar nicht die Wahl, zwischen verschiedenen Formaten, Oberflächen oder Kaschierungen zu wählen. Entscheidend ist außerdem der Bequemlichkeitsaspekt, den Kauf vom Schreibtisch oder Sofa aus mit Laptop oder Tablet abwickeln zu können und dann nur noch voller Vorfreude darauf warten zu müssen, bis der Postmann klingelt.« Dass der Vorteil der Formatvielfalt in eingefleischten Sammlerkreisen auch zum Nachteil werden kann, sei man sich durchaus bewusst: »Unsere Künstler müssen sich nicht auf die Standard-Formate und -Ausführungen in höchster Galeriequalität beschränken. Selbstverständlich können sie auch beispielsweise limitierte, handsignierte Auflagen auf Fine-Art-Papieren anbieten, um bestimmte Sammlerkreise besser ansprechen zu können.«

Der Beitrag ist in der PhotoPresse 05/18 erschienen

Neben Künstlern, die sie vertreten können, und den Sammlern, die die Werke kaufen, haben die Virtuell-Galeristen noch eine dritte Zielgruppe im Visier, nämlich die der Kuratoren und Ausstellungsmacher. Ralf Mohr erklärt die Idee: »Wir hatten für die Sonderausstelllung ›Bergleuts Kinder‹ im Weltkulturerbe Rammelsberg den kommerziellen Auftrag zu einer umfangreichen Virtualisierung der Ausstellung und haben sofort das Potenzial erkannt. Wir hatten es ja eingangs schon beschrieben: Zeitlich begrenzte Schauen können auf diesem Wege noch einem deutlich größeren Publikum gezeigt werden. Das Argument, dass die Besucher am Webbrowser zuhause keine Eintrittsgelder zahlen würden, entkräftet sich schnell, wenn man bedenkt, dass das Merchandise-Geschäft mit begleitenden Artikeln wie Büchern, Kalendern, Postkarten und sonstigen passenden Dingen so noch weiterlaufen kann, auch wenn die reale Ausstellung längst vorüber ist. In Zeiten knapper öffentlicher Kassen sollte diese Argumentation Museumskuratoren überzeugen, ihre investierte Arbeit zu erhalten und eine VR-Produktion davon erstellen zu lassen.« Die Ansprache weiterer Museen und Galerien gehöre daher zur Expansionsstrategie, so Mohr weiter. Auch den internationalen Markt habe man bereits im Visier. Die englischsprachige Version der Website werde dazu in Kürze gelauncht.

 

#360-Grad #Ausstellung #Galerie #VR

Fotocredit: dievirtuellegalerie.de (Galeriebilder); Werner Musterer (Portraits)

 

Im Bereich des Möglichen last modified: 2018-03-14T16:47:06+00:00 by Werner Musterer