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von Werner Musterer | Blogposts

Besonnenheit üben im Dauerfeuer von Katastrophenmeldungen

»Wir suchen Ihre gute Nachricht!« – Redaktionen rufen zurzeit die Leser auf, mal etwas Positives zu schreiben. Kein Wunder, dass die Profi-Journalisten in der Hinsicht jetzt schon die Hilfe ihrer Konsumenten in Anspruch nehmen müssen. Man verlernt es wohl, über die guten Seiten des Lebens zu berichten, wenn die Konzernzentrale unter dem Druck sinkender Leser-/Hörer-/Zuschauer-Quoten ständig eine Knallernachricht nach der nächsten einfordert.

 

Haben Krisen, Kriege und Katastrophen in den vergangenen 25/30 Jahren wirklich exponentiell zugenommen?

Orientierten wir uns nur an den Nachrichtenarchiven, müssten wir zu diesem Schluss kommen. Ich glaube allerdings nicht, dass dies tatsächlich der Fall ist. Betrachten wir zum Beispiel Naturphänomene wie Taifune oder Tsunamis, so haben Wissenschaftler tatsächlich eine auf dem Klimawandel gründende Zunahme feststellen können. Wäre ein Anwachsen derartiger Unwetter aber in dem Maße zu verzeichnen, wie gefühlt darüber berichtet wird, wären CO2-Reduktion und Regenwaldschutz längst weltweiter Konsens und wir müssten nicht dafür demonstrieren gehen.

Was dagegen in dem genannten Zeitraum rasant zugenommen hat, ist die Anzahl zur Verfügung stehender Informationskanäle*. Es begann mit der Etablierung privater Rundfunk- und Fernsehanstalten in den Achtzigerjahren und wird mit dem Siegeszug von Internet und Sozialen Medien sicher noch nicht beendet sein. Leider schafft diese Form der Vielfalt nicht die erhoffte Abwechslung oder Wahlfreiheit. Der verschärfte Wettbewerb hat eher dafür gesorgt, dass sich die unterschiedlichen Titel immer mehr angleichen. Wer kann schon heute noch verlässlich den »Spiegel« inhaltlich vom »Focus« unterscheiden (manchmal ja leider nicht mal mehr von der »Bild-Zeitung«)? Es macht inzwischen auch keinen Unterschied mehr, ob Sie Nachrichtensendungen von den vermeintlich »seriösen« öffentlich-rechtlichen Sendern oder einem x-beliebigen Privatsender sehen oder hören. Begannen »Tagesschau« und »heute«-Nachrichten vor 20 Jahren noch mit ausführlichen Meldungen zum politischen Geschehen, so sind wir heute nachgerade enttäuscht, nach dem Gong das Konterfei irgendeines Ministers statt den nächsten entgleisten Zug auf dem Bluescreen zu sehen. Und als ich kürzlich mal wieder mit meinen Kindern »Logo« auf »KIKA« anschaute, musste ich erschüttert feststellen, dass selbst dort inzwischen dasselbe Konzept gefahren wird.

Was ist die Folge dieses Dauerfeuers? Unsere Psyche befindet sich inzwischen im dauerhaften Katastrophenmodus, ja, wir sind geradezu hysterisch aus Gewohnheit. Der bekannte Mediziner und Bestsellerautor Michael Winterhoff beschreibt dies sehr anschaulich in seinem sehr empfehlenswerten Buch »Lasst Kinder wieder Kinder sein« (Goldmann 2011, übrigens kein Erziehungsratgeber!): Schon unser gesamtes Arbeits- und Freizeitleben (so wie mittlerweile das unserer Kinder auch!) ist von einem eng getakteten Terminplan bestimmt und hält unseren Adrenalinspiegel ständig auf »Highscore-Level«. Und das Bombardement mit Krisennachrichten aus Radio, Zeitung und TV sorgt zusätzlich dafür, dass wir dieses Niveau dauerhaft halten und so überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommen. Zahlreiche »Zivilisationskrankheiten« wie Herz-Kreislauf-Probleme oder Depressionen lassen sich auf diese Dauer-Power unseres Nervensystems zurückführen. Und wenn Eltern und Lehrer schon den Hamsterradmarathon drehen, wen wundern dann noch steigende Zahlen verhaltensauffälliger Kinder in den Klassenräumen?

 

Wir müssen raus aus dem Hamsterrad!

Aber wie? Ein erster Schritt: Verpassen Sie sich eine strenge Nachrichtendiät! Ja, tatsächlich! Probieren Sie es mal aus: Eine Woche lang kein Fernsehen, kein Radio, keine Zeitungen! Stattdessen lieber ein gutes Buch (Roman!) lesen, auf einer Parkbank dem Naturkonzert der Vögel lauschen oder zur Abwechslung mal wieder ausgiebig mit Ihrem Partner/ Ihrer Partnerin reden. Sie werden anfangs unter Entzugserscheinungen leiden. Vielleicht glauben Sie auch, dann bald nicht mehr mit Ihren Kollegen oder Freunden mitreden zu können. Das Gegenteil ist der Fall! Sie können hervorragend Gespräche beginnen mit der Frage, was denn aktuell los ist in der Welt. Nach der Woche völliger Abstinenz können Sie auch wieder sachte zu gelegentlichem Nachrichtenkonsum zurückkehren, der Verzicht wird Ihnen schon viel leichter fallen. Ich praktiziere es inzwischen dauerhaft (fast kein TV, fast keine Zeitungen – ganz ohne hätte ich ja schließlich diesen Beitrag kaum schreiben können …) und kann glaubhaft versichern:

  • Sie werden nichts verpassen.
  • Man wird Sie nicht ausgrenzen, sondern
  • man wird Sie aufgrund Ihrer zurückgewonnenen Besonnenheit als Gesprächspartner schätzen.

Vielleicht wird es Ihr Start in ein zufriedeneres Leben, eines, das Sie endlich auch wieder Ruhe und echte Entspannung genießen lässt – ohne dafür termingerecht ins Wellness-Center hetzen zu müssen.

 

*Dass gleichzeitig die Vielfalt unabhängiger Verlagshäuser und Redaktionen in noch viel stärkerem Maße abgenommen hat und die meinungsmachenden Medienzentralen nahezu vollständig in die Hand weniger Großkonzerne gelangt sind, gehört ebenfalls eng zu diesem Phänomen, aber dieses Thema werde ich zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgreifen.

#nachrichten #katastrophen #medienkonsum #besonnenheit

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